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                                                                                      Foto von Beatrice Schubert vom 09.10.2010                       

 

 

Kunst ist auch der Versuch eines Ausdrucks für etwas, was es eigentlich nicht geben kann und für etwas, was es noch nicht gibt.
 

Kunst kann da sein, wo die Transformation von Geist in Materie, Spiel und Wort beim kreativen, spirituellen und liebenden Zusammentreffen von Seele, Gefühl und Idee prozessuell sichtbar, begreifbar und hörbar wird.

 


 

Darf ich mich vorstellen!

Ich heiße Norbert Diem und hinter mir liegen nun schon 61 Jahre Lebenszeit. Davon habe ich den Großteil damit verbracht, auf unterschiedliche Art und Weise kreativ tätig zu sein.

Seit 1988 gehe ich damit auch nach Außen und beteilige mich an Ausstellungen oder präsentiere meine Kunst in Einzelausstellungen. Seit 1998 arbeite ich als freiberuflicher, bildender Künstler.

Ich bin Autodidakt, Sucher und Experimentator geblieben, auch nach dem Kunsterziehungsstudium (an der Universität Augsburg von 1988-1994) und dem Kunsttherapiestudium (an der Staatlich anerkannten Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtingen von 1987-1988).

Ich habe gerne und mit Hingabe studiert und danke auf diesem Wege meinen damaligen Professoren, Dozenten und MitStudentInnen für Intensität und die Teilhabe an geistigen und praktischen Erfahrungen in einem Klima der Lernfreude und des humanistischen Grundgedankens des lernfähigen Menschen.

 

Mein Atelier NeuSehLand liegt mitten in Augsburgs Altstadt im Künstlerhaus Antonspfründe.

Ein Anliegen von mir ist es, eine Auflösung der Distanz zwischen Elfenbeinturmkunst und Geschenkkunst zu bewirken, soweit dies möglich ist.

Über meine Kartenkunst scheint dies evident. Über neunzig Prozent der als Kunstkartenrepros erhältlichen 311 Motive basieren auf kartengroßen Bildern. Die restlichen Motive geben Fotos oder Verkleinerungen von größeren Werken wieder.

Bis zum 03.07.2020 wurden 4.650 Kunstkartenrepros verkauft. 

 
Die meisten Motive der erwähnten Kartenkunst können Sie im Menü 'Kunstkarten' betrachten.

Dort finden Sie auch nähere Information zu deren Fertigung, Dokumentation und Limitierung.

Der Verkauf erfolgt direkt über mich oder bei den Geschäftsstellen meiner Kommissionäre, deren Adressen Sie im Dritten Abschnitt des Menüs ' L i n k s ' finden. Dort auch Näheres zum jeweiligen Sortiment.

 

 

Kontakt

Atelier NeuSehLand, Norbert Diem, im Künstlerhaus Antonspfründe,                       Dominkanergasse 3, D-86150 Augsburg

 

Atelierbesuche bitte nur nach telefonischer Vereinbarung über

Mobilfunk unter  0049 (0) 179 8837147  oder via Mail an art-for-ever@gmx.de

 

Der Papageienkönig, Urfassung, Ölkreide auf Papier, 90x105cm, 2003

 

 

 

Muss nicht unbedingt ‚CoroNachrichten‘ heißen:

Kurz- und Kleingeschichten* von Norbert Diem von der Straße         auf die PC-Tastatur und ins Web

* seit der 12. Kalenderwoche 2020

   hier absteigend hochgeladen; d.h. die neueste Geschichte steht ganz unten am Schluss !

 

 

Dünner Mann mit Hündchen

 

„Wie ein Maultier, das Eis zur Sonne bringt“, so hieß glaub‘ ich der Titel, der mir in der zur Abendstunde beleuchteten Schaufensterauslage einer Buchhandlung besonders auffiel.

Mit diesem und anderen Buchtiteln im Hirn herumjonglierend ging ich ein paar Schritte weiter. Unweit von mir sah ich einen Mann entgegenkommen und sein Näherkommen lieferte Details über seine Erscheinung: schlank, großgewachsen, äußerst elegant gekleidet, wohl Mitte Vierzig und sein grauweißes Minihündchen an einer unsichtbaren Leine ausführend.

Er zog sein Stofftaschentuch aus seiner Jackentasche und führte es gerade zu seiner Nase, als ihm sein kleines Tierchen zuvorkam. Mangels der Hunden nicht möglichen Sitte Schnupftücher zu gebrauchen war es flinker und fabrizierte dank zitterhaft verzerrter Mimik ein eher sichtbares als hörbares Nießerchen. Die Choreographie war nicht perfekt, nicht abgestimmt, denn das Herrchen, schneuzte gar nicht, sondern wischte sich nur geräuschlos die Nase ab. Doch ausgehend von diesem Bild ‚Nießendes Hündchen mit nasewischendem Herrchen‘ ließen sich manch  interessante Variationen erdichten. – Jedenfalls: Gesundheit – fürs erste!

Hinweis: Wenn die Taschentücher ausgehen, tut’s auch WC-Papier oder vice versa. Was dem Hündchen freilich schnuppe sein dürfte.

 

 

 

Suche nach WC-Papier

 

Tatsächlich war ich doch der Meinung, mir meine Hausmarke Toilettenpapier wie gewohnt bei Rossmann besorgen zu können. – Erste Filiale: Die Regalwand hat den Frühjahrsputz überstanden (das WC-Papier nicht). – Gut, dann eben zur nächsten Filiale: - Auf den Vergleich mit Frühjahrsputz verzichte ich. Musste mir mit einer Packung weißer Servietten aushelfen. Danach noch Tee etc. gekauft und an die Kasse; mit den eingekauften Sachen und Abstandhalten. Die Kassiererin trug Handschuhe wie sie auch beim Frühjahrsputz üblich sind. Also doch ???!... – Nach dem Bezahlen fiel mir ein, dass ich den 10%-Rabatt-Coupon nicht vorgelegt hatte. Nachträglich geht’s nicht mehr. Also gut, unfreiwillige Spende an Rossmann.

Auf dem Weg zurück ins Atelier durch die menschenleeren Straßen Philadelphias – gemeint ist natürlich Augsburg – sah ich doch tatsächlich einen Bettler vor der unbeleuchteten Schaufensterzeile unserer weitläufigen FuZo. Beim Näherkommen erkannte ich auch den Hut. Den Inhalt bereicherte ich um eine Zwei-Euro-Münze. „Danke! Schönen Abend!“ wünschte er mir. „Viel Glück!“ fiel mir da nur als Antwort ein, und dachte, der muss wirklich ans Glück glauben, denn außer mir ist hier weit und breit niemand unterwegs.

Ein paar Stunden vor Inkrafttreten der Ausgangssperre ist mein Augsburg Ghost-City. Es fehlten nur noch die rollenden Gestrüppkugeln und ein paar Staubwolken. Verzweifelt sah der Straßenmann nicht aus. Irgendwie ein Seelenverwandter, denn geht’s mir und vielen Künstlern nicht auch so: Bei ihm ist es der Akt des Sitzens mit einem Hut und bei den Künstlern der Akt des Kunstschaffens und der Präsentation….

 

 

 

Fluchtversuche in der Warteschlange

 

Die kurze Warteschlange vor der Kasse eines Discounters wirkt nur deshalb so lang, weil ein Herr vor mir wie angewachsen stehenbleibt. Der Abstand zu den vor ihm mehr oder weniger gleich schnell mit ihrer Ware zur Kasse gelockten Kunden vergrößert sich. Nun sind es schon fast drei Meter. Ostentativ setze ich meinen Einkaufskorb links neben ihm auf einem dieser Metallgitterregale ab. Er reagiert. Ohne umzusehen schnappt er sich zwei Plastiktüten, legt sie auf’s Band und darauf dann seinen einzigen Kauf: Haushaltswischtücher.

WC-Papier wird wahrscheinlich auch hier ausverkauft sein (obwohl es nachweislich kein Nahrungsergänzungsmittel ist). Und flux überholt er die zwei Leute an der Kasse und positioniert sich außerhalb des Kassenbereichs vor einem Fenster. Nun kommen sein Gesicht und seine Gestalt voll zur Geltung. – Und dies verhindert auch kein blaubehimmelter Pseudo-Barock und der ganze restliche Historismus mächtiger Häuserfassaden im Fensterhintergrund – . Welch ein Gesichtsausdruck! – Würde eine Mehrfachbelichtung aus Fotos eines zum Sprung bereiten tollwütigen Iltis, eines angebratenen Karottenschnitzels und eines verängstigten BKK-Insassen angefertigt, sie könnte nicht besser sein.

Die Bezahlung vollzieht sich, als ob die Kassiererin und er Teleskoparme hätten. Jedenfalls musste er sich jetzt aus seiner ‚Deckung‘ herauswagen und den anderen Kunden, die er wohl als eine Art ‚Corona-Zombies‘ einschätzt, gefährlich nahekommen. Und wie schnell er dann entschwand.

An der Kasse unterhielt ich mich noch mit einem nach mir folgenden Kunden, aber nicht wegen dieses kauzigen Typs, sondern weil er die dritte Packung WC-Papier wohl abgeben muss, denn die Abgabe pro Person ist auf zwei Packungen begrenzt. Und da stellt sich mir die Frage, warum hab‘ ich da kein WC-Papier gekauft und warum in aller Welt hat der flüchtende Typ sich mit Haushaltswischtüchern begnügt?

 

 

 

 

Deja vu

 

Wie doch in diesen Zeiten menschenleerer Straßen und gebotener Kontaktarmut Begegnungen bewusster wahrgenommen werden können:

Einer alten Frau rutscht an der Kassentheke eine ihrer Stofftaschen herunter. Der Kunde daneben vergisst seinen Sicherheitsabstand und hebt sie auf. Sie lächelt und bedankt sich. Aus der uns allen schon bald vertrauten Lückenwarteschlange erwidert der Kavalier: „Gern geschehen! Hab‘ dabei auch die Luft angehalten“. – Woanders hinter einer Theke steht eine junge Backwarenverkäuferin.  Sie legt die verpackte Backware auf die flach auslaufende Acrylverglasung, die hier schon immer als durchsichtiger Korridor zwischen Kunden und ihr gedacht war. Das Wechselgeld gibt sie ihrem Kunden aber in die offene Hand. Ihre kleine Hand mit den zarten flinken Fingern ganz nah über der furchigen zum Teller gewölbten Großhand des Kunden. Und das Kleingeld fällt wie Saatkörner auf den Hautboden. – Frühling im BackwarenShop –

Und wieder steh‘ ich vor der Schaufensterauslage der Buchhandlung. Jetzt will ich den Namen der Schriftstellerin und des Buchtitels, der mir neulich auffiel, korrekt erfassen: Die Schriftstellerin heißt Sarah Ladipo Manyika und der Titel des in rot gebundenen Buchs heißt ‚Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt‘.

Wesentlich eleganter, als meine Erinnerung an den Relativsatz. Klingt ein wenig nach „um die fiebrige Sonne zu kühlen“ oder „auf Bestellung der Sonne“ oder einfach doch nur nach Sisyphus ohne Wiederkehr? - Ich merkte mir nur: ‚Wie ein Maultier, das Eis zur Sonne bringt‘ – …das ihr Eis bringt, egal ob sie das will oder weil wir zu viel davon hätten? … Doch so setzte ich in meiner Version das Eis vor die Sonne, was zu meinem heliozentrischen Weltbild ja ganz und gar nicht passt. Und deswegen erst mal der Blick nach oben, weit weit weg von Schaufenstern, Straßen und Häusern. Am Südosthimmel frühmorgens vor nicht allzu langer Zeit gab es eine interessante Konstellation aus Mondsichel, Saturn, Jupiter und Mars zu bestaunen. Und jetzt hier mitten in der Stadt über den westlichen Häusergebirgszügen leuchtet die Venus. Kein Flugzeug! Kein Satellit! Ein Planet! Kleiner als Jupiter, aber näher an unserer Erde und für uns das hellste Himmelsgestirn nach dem Mond.

Und nun vom Himmel über Augsburg wieder runter „back in the streets of Philadelphia“, denn dieser Song kommt mir in letzter Zeit immer wieder in den Sinn, bei meinen seltenen Wegen durch Augsburg City. Nach dem Schaufensterbesuch hab‘ ich keine Begegnung erwartet und so war es auch. Nicht mal die Tauben tippeln kopfwippend übers Pflaster. Keine Menschen. Keine Krümel. Sollte ein wenig von meinem Kuchen abbröseln?

Zurück im Atelier, bereite ich – natürlich alles schon strategisch vorgeplant – meinen nächsten Einkaufsgang vor. – In einer Gasse, ungeplant, wie aus dem Nichts eine Frau. Wie schön doch eine stumme Begegnung sein kann. Wir lächeln uns nur an. Dort wo noch Straßenbahnen und Busse halten sehe ich dann tatsächlich verstreut eine Hand voll Menschen. Nun bin ich zwar schon jahrelang Single und meine Arbeit als Künstler läuft bestens im Alleinsein, aber dass sich mir nun die ganze Stadt gleichsam als Abbild meiner Lebensweise darbietet, das ist mir doch zu viel. Der Großraum als Verstärker der die Trennschärfe zwischen Alleinsein und Einsamkeit allmählich verwischt. Im Lebensmittelmarkt ist noch was los. Meinetwegen drei Meter Sicherheitsabstand, Hauptsache Menschen! Ich bekomme alles was ich wollte. Die Distanzmarken wurden berücksichtigt; insbesondere bei den Regalen mit WC-Papier, denn dort war sowohl links als rechts oder vorne und hinten – wie man’s nimmt – nichts von WC-Papierverpackungen zu erkennen. Wahrscheinlich kilometerweit auf Distanz. Na ja! Mein Vorrat müsste noch gut acht Tage reichen. Bis dahin gibt’s vielleicht sogar mobile Toilettenpapierverkaufsstände…

Wieder im Atelier. Sachen verräumen und auf zum letzten Einkaufsgang für diesen Tag und dem vorletzten der ganzen Woche. – Wieder alles bekommen! Nach dem Papier fürs NullNull schau‘ ich schon gar nicht mehr. Is ja nicht nur für‘s sondern auch identisch mit NullNull. Auch da klappt’s mit den Mindestabständen und der Kassierer hat sogar eine Art Kabine mit Fenstern, was durch an der Decke befestigte, einfgefasste Weichplastikfolien bewerkstelligt wird, wie ich sie als Windschutz bei Flurfahrzeugen kenne. Ein fahrbarer Kassenraum mit Fluchtmöglichkeit ist’s trotzdem nicht. Aber eine gute Idee! Die Kassierer*innen bekommen ja in dieser Zeit das meiste voll ab. Auf dem Rückweg ins Atelier bewegt sich etwas auf unserer Prachtstraße. Ein Essenzusteller! Essen auf Rädern. Genauergesagt auf zwei Rädern. Lunchboxbote oder so ähnlich heißt dies glaub‘ ich. Und wie ich ihn so entschwinden sehe, so ganz allein auf weiter Prachtstraße, kam mir meine Zeit als Taxifahrer in den Sinn.

Nun ist’s ja absurd, dabei und überhaupt an das Schöne dieses Jobs zu denken. Gerade weil bei ‚nix los‘ die Börse leer bleibt, aber es war ja auch in etwa die Stimmung, die ich damals wohl empfunden habe, als nach einer einträglich durchfahrenen Nacht einmal eine Stunde Warten oder Standanfahren kam oder als es nach einer Brotzeitpause an der Tanke wieder auf den Arbeitsplatz Straße ging.

„Muss schon toll sein, mit so ’nem fett’n Mercedes rumzukurven“ – „Ja! Ist es!“ bestätigte ich so manchem Fahrgast. Oder die gefühlte Unendlichkeit von Zeit und Raum nachts bei Regen immer geradeaus durch das ehemals längste Dorf Bayerns (ist ja jetzt Stadt und mit längste Stadt geht’s nicht); bei einer An- oder Rückfahrt ganz allein. Andermal mit jungen Leuten im Fond. Denen hab‘ ich es dann mitteilen müssen, was ich schon bei früheren solcher Regennachtendlosgeradefahrten ‚gesehen‘ habe: „Wir sitzen jetzt nicht mehr in einem Taxi. Dies ist ein Flug durch Raum und Zeit. Begleitet und gelockt von regenbogenfarbenen Lichtern, Sternen und Planeten…“ – Schweigen – Dann bemerkt einer der Studenten von hinten: „Bleib‘ in Deiner Welt!“ – Schweigen – Und ich denke wie jetzt auch: „Scotti! Beam me over!“

 

 

Time machine

 

Wie sonst auch, das Beamen funkionierte nicht:‘Object couldn’t be localised‘. Hat dies was damit zu tun, dass ich als Nightbiker unterwegs bin? Glaube nicht. Dies ist also eine andere Nacht. Und jede Nacht ist der Anfang einer neuen Geschichte.

Einem Freund schrieb ich zum Geburtstag einen kleinen Brief und legte ihm einen Ausdruck der bisherigen Kurz- und Kleingeschichten bei. Selbstverständlich ist’s mit einem Brief wie mit einem Schiff. Dieses ist nicht dazu gebaut, um im Hafen vor Anker zu liegen, und jener nicht dafür geschrieben, um auf dem Schreibtisch liegenzubleiben. Das wäre aber beinahe passiert, denn ich hatte mein Kleingeld großzügig verteilt; konnte also keine Marke aus dem Automat kaufen und mit sämtlichen übriggebliebenen Restbetragsmarken kam ich auf gerademal 55 Cent. Der Geburtstagsbrief hieß postversandtechnisch ‚Kompaktbrief‘. Vielleicht sollte ich auch nur Kompaktge-schichten schreiben, dann könnte ich sie als Postkarte versenden. – Jedenfalls fehlten mir noch 40 Cent. Welche Überraschung! In meiner Börse fand sich doch noch Kleingeld und es reichte sogar für eine 45-Cent-Marke. Also ab auf’s Rad und zum Hauptbahnhof. Dort standen meines Wissens zwei Briefkästen mit Spätleerung und ein Briefmarkenautomat mit Wunschbetragstaste. In der Innentasche meiner Jacke befanden sich drei Briefe: besagter Geburtstagsbrief, ein vorfrankierter Bestellbrief und ein Wahlbrief. Auf dem Briefkasten stand unter Leerungszeiten: 23:30 Uhr. Ich und meine Briefe waren glücklich, denn es war kurz vor 22 Uhr. Nun also auf Taste ‚Wunschwert‘ und vier Mal nacheinander auf ‚+10‘. Bestätigen und auf ‚Ja‘ für Ausdruck der Quittung.

Die Briefmarke habe ich nicht abgeschleckt, sondern mit meiner Technik auf’s Kuvert geklebt; so wie ich das schon immer mache: Handrücken abschlecken und eventuell noch draufspucken und die Marke dann drüberziehen. Erst nachdem ich mich versichert habe, dass sie und die anderen Marken gut auf dem Kuvert festkleben, durfte der Geburtstagsbrief zusammen mit der Bestellung im Briefkasten verschwinden. Alles o.k.! Alles? Was steht da auf dem Quittungsausdruck? 28.03.2020 3:50 Uhr. Mein Handy, die Bahnhofsuhr und ich sind damit nicht einverstanden: 3:1 für 27.03.2020 22:03 Uhr. – Handelt es sich um einen neuen kostenlosen Service der Deutschen Post? ‚Mit uns in die Zukunft! – Diesmal sind es nur knapp sechs Stunden. Kommen Sie wieder! Vielleicht sind es das nächste Mal sechs Lichtjahre. Eine gute Zeit wünscht Ihnen Ihre Zeitmaschine!‘ – Hoffentlich kommen die Briefe nicht auch erst nach Lichtjahren an.

Nicht in Lichtgeschwindigkeit, sondern brav langsam radelnd, ein wenig flanierend, verlasse ich die geheimnisvolle Maschine. Tapfer warten ein paar Taxis am Stand Hauptbahnhof. Ein einziger Mensch sitzt vor einem Spielautomat oder einem Flachbildschirm in einem Billard-Cafe; vermutlich der Besitzer selbst. Ich halte nicht an und erkenne es nicht genauer, nur weiß ich, dass ich soeben das erste Mal eine Version eines tableau vivant*, eines lebend nachgestellten Bilds, von Edvard Hopper gesehen habe, und dies auch noch ganz in der Nähe des legendären Odeon, in dem die Interpretation eines anderen Gemäldes Edvard Hopper‘s als Wandbild des Künstlers Akram Sultan die ohnehin große Anzahl der Gäste der einstigen Brasserie um fiktives, bleibendes Personal erhöht.

Auf den Stufen des getreppten Höhleneingangs einer Bank fanden zwei Nachtschwärmer mit Getränk die Ruhe in der Ruhe dieser Nacht. Irgendwo kam mir ein Radfahrer entgegen und wie sonst in diesen Zeiten fanden sich eine Hand voll Menschen verstreut in der Umgebung der größeren Haltestellen.

Dies nahm ich mit auf dem Weg zum Briefkasten des Bürgerbüros, wo ich den Wahlbrief einwarf, und danach auf dem Weg zurück ins Atelier; nicht ohne den Halt vor der Schaufensterauslage der Buchhandlung; dem Abschluss der Nachtrunde. Eine Gewohnheit von mir, mehr nicht. Es hat sich einiges bewegt.

Das der Sonne Eis bringende Maultier gibt es noch. Neu und ganz vorne und irgendwie passend ist im Rot eines Umschlags zu lesen: Die toten Katzen von London, von Mark Billingham, ein Krimi. – Genau! Krimi! Krimi gibt’s nun auch im Atelier und dazu ‚Pfannkuchen ala NeuSehLand‘ mit Apfelschnitten und Quark. Der Tag war vollgestopft mit Besorgungsgängen, Arbeit am PC und der Vorbereitung für meine kommende Oster- und Frühjahrszeichnung. Den Krimi habe ich mir verdient, egal ob es die toten Katzen von London sind oder die in Amsterdam, denn im DLF heißt es nach Mitternacht ‚Die Katze des Brigadiers de Gier‘.

 

*) Anmerkung: Tableau vivant – Ich bin mir ziemlich sicher, dass es diesen Begriff in der Kunstsprache gibt, auch wenn ich ihn bei der Nachprüfung in meinem Pons-Wörterbuch nicht entdecken konnte. – Doch dies bringt mich noch auf andere Gedanken: Wer will, kann selbst, zu zweit oder mit der ganzen Family ein tableau vivant kreieren. Es kommt nicht auf höchste Originaltreue an. Wer besitzt schon ein Filmstudio? Originalität und Witz sind doch viel cooler. Egal ob ihr euch ein Bild aus den Kunstbildbänden, aus einem Kalender, ein Filmstill oder sogar den Teil einer Performance eines Künstlers raussucht, Hauptsache ihr bringt euch ein und es macht Spass! Das wünsch‘ ich Euch! Denn das Leben geht weiter!

 

  

California Dreaming                       
 

Am folgenden Tag bemerkte ich, dass ich bisher nur Nachtgeschichten geschrieben habe. Seit Tagen ist strahlendblauer Himmel, wenn’s auch ziemlich kalt ist und mitunter herrschen heftige Winde. Arbeiten am Bau, Straßenbau vor allem, Gleisbau etc. werden unvermindert fortgesetzt. Lebensmittelmärkte und Bäckereien haben geöffnet. Die öffentlichen Nahverkehrsmittel ziehen ihre Linien; auch wenn sie dies bei näherem Hinsehen so gut wie ohne Fahrgäste tun. So ist immer was los. Nur an leere Plätze und Straßen-Cafés mit ungenutzter Bestuhlung werd‘ ich mich wohl nie gewöhnen. Ein Nachbar in der Nähe meines Ateliers hat wieder mal einen Karton voller Bücher und kleiner Dinge und dem Hinweis ‚Zu verschenken‘ am Hauseingang platziert. Ich muss nicht lange auswählen und schon hab‘ ich einen Reiseführer von National Geographic über Kalifornien in der Hand und allerlei Träume im Kopf:

Die ferne Künstlerfreundin, die Straßen von San Francisco, die Red Woods und die Sequoias, I love L.A., Goldrausch, Hollywood, Mulholland Drive – da gibt’s nicht nur einen Film von David Lynch, sondern auch ein Gemälde David Hockney's von –, der Mono Lake, das Getty Center, das Contemporary Art Museum, die Sammlung Walter Conrad Arensbergs, Lana del Rey, The Hippie & Peace Era, Gouverneur Arnold Schwarzenegger, Waldbrände, Erdbeben, Golden Gate Bridge, End of Road 66, Monterey, John Steinbeck…

Doch nun geht es nicht zur ‚Straße der Ölsardinen‘. Ich steuere andere Gewässer an. Unweit der Augsburger Kahnfahrt, einem Restaurant mit köstlicher, schwäbischer Küche und Ruder- und Tretbooten dicht an dicht mit den Bänken am Ufer des Stadtgrabens, der sich in großzügigem Bogen an eine vor Jahrhunderten geschliffene Bastion schmiegt, steht eine wenig beachtete Kirche. Es ist die katholische Kirche Sankt Maximilian. Nördlich schließt sich die Klinik Vincentinum an, dort wo vor langer Zeit noch Klostergebäude des ehemaligen Franziskanerkonvents standen. Und leicht nordwestlich vorgelagert steht ein im Maximilian-Stil gebautes schon fast monumental wirkendes Gebäude. Nachdem es als Hauptkrankenhaus ausgedient hatte, zog dort die Fachhochschule für Gestaltung ein und es bot auch reichlich Raum für viele Künstler und Kreative.

Es muss dort auch eine Grundausbildung für Nomadendasein gegeben haben, denn letztere verschlug es in den Kunstpark West und von dort – in die vorläufig letzte Station – ins Gaswerkareal. Doch zurück zur Kirche. Das erhöhte Niveau des kleinen Parks beim Hauptkrankenhaus bot mir nicht nur den meiner Meinung richtigen Standpunkt fürs Stativ, sondern auch noch das passende frühlingshafte Grün als Vordergrund für meine Zeichnung. Damit die Augenlinie noch etwas höher anstieg, nutzte ich eine kleine Steinbank. So hatte ich nach verschiedenen Herangehensweisen in knapp einer halben Stunde ein gutes Dutzend Aufnahmen im Kasten.

Die Sonne zeigte sich noch über dem Dächerhorizont der Häuser entlang der Grabenstraße und so ging ich noch ein wenig dem Stadtgraben entlang spazieren. Lange verweilte ich am Fünfgratturm, den wir Augsburger aber Fünffingerleturm nennen. Klingt lieblicher und irgendwie auch nach einer Mehlspeise. Tatsächlich ist er aber so etwas wie eine Leihgabe aus Neuschwanstein. Mit dem Treppenhausanbau weiß ich nichts anzufangen und der Anbau auch nichts mit dem Turm, denn am Ende der Treppe steht man vor einer Wand, nicht vor einer Tür. In jeder Hinsicht ein Unikum unser ‚Fünffingerle‘. Eine junge Fotographin versucht der Sache wohl auf den Grund zu gehen. Jedenfalls war sie emsig dabei alle möglichen Fluchten und Details des Turms mit ihren Augen und der Linse zu inspizieren und bei gefallen zu digitalisieren; wobei wir wieder bei den Digits alias ‚Fingerle‘ angelangt wären.

Beim Brücklein versucht ein Angler sein Glück im stillen Wasser. Enten sah ich keine. Rentner hielten sich fern. Es gab auch keine Kinder, die nach dem Baden auf Kastanienbäume klettern. Dafür ist es ja noch zu früh. Doch Bertolt Brechts Gedicht ‚Vom Klettern in Bäumen‘1 klingt zeitlos:

„Es ist ganz schön, sich wiegen auf dem Baum!

Doch sollt ihr euch nicht wiegen mit den Knien.

Ihr sollt dem Baum so wie sein Wipfel sein:

Seit hundert Jahren abends: er wiegt ihn.

Da stehen ja auch die bunten Ruderboote bereit! Auch ich wäre bereit, nicht nur dazu, mit einem von ihnen über die Oberfläche es mysteriös ruhigen Grabenteichwassers zu ziehen, sondern bereit dafür mich auf den Quellwassern der Erinnerung hintreiben zu lassen, wie dereinst an einem heißen Augustnachmittag in geheimnisvollen Untiefen und in den vom Halley‘schen Kometen durchstreiften Weiten des Universums. – Doch dies ist eine andere Geschichte und ich weiß nicht mal, ob ich fähig wäre, sie so zu Herzen gehend aufs Papier zu bringen wie sie mir damals und auch noch jetzt die Seele wärmt.

Also weiter! Weg und fort von Gedankenwegen auf denen Illusion und Erinnerung zu gerne verschmelzen. So lasse ich das Kahnfahrtidyll hinter mir und begebe mich wieder in meine ‚Klause‘, wie ich mein Atelier auch gerne nenne. Es ist gut auch einmal über einen Tag in dieser Ausnahmezeit geschrieben zu haben. Draußen bricht nun die Nacht an mit ihren eigenen Geschichten. Hier in meinem Atelier liegt leise E-Musik in der Luft und ich beginne mit meiner noch lautloseren Arbeit. Darüber vergesse ich die Nächte in Ghost-City. – Haben unsere Vorfahren nicht geglaubt, dass nachts die Toten ihren Gräbern entsteigen und umherwandeln? Diese Nächte sind wie dafür geschaffen. Schlafen Sie gut!

 

1 )  aus: Spaziergang mit Bertolt Brecht durch Augsburg, Horst Jesse, Brigg Verlag, Augsburg 1985, S.20

 

 

Miami Vice meets Interstellar

 

Der Äther ist voller Nachrichten über Isolation, Tod, Lageberichten, Statistik, nützlichen Hinweisen, Durchhaltesprüchen und mit dem nun ganz ins Netz eingezogenen Kulturleben, wo es als Streaming-Service, Online-Shop oder Gallery sein Leben 2.0 fristet. Groß nun die Versuchung auch hier die Erwartungen der Leser zu bedienen und alles unter dem Zeichen von Corona zu betrachten und zu berichten bis auch die letzten Begrifflichkeiten und Sätze hinter Klischees verschwinden mögen. Doch was dachte der am Verlust seines biographischen Gedächtnisses leidende Protagonist in Umberto Ecos Roman ‚Die geheimnisvolle Flamme der Königin von Loana‘ über Klischees: sie seien etwas, um sich „unter Leuten bewegen zu können“. Nützliche Übereinkünfte. Einstimmen in den Chor der allgemein verständlichen Muster. Ich frage mich selbst, ob ich in einer Weise schreiben möchte, welche mir ein möglichst zahlreiches Publikum beschert. Möchte ich dies?

Da ich weit mehr lese als schreibe und dabei viele Erzählungen echter Schriftsteller kennengelernt habe, und mir also bewusst bin, dass dies was ich hier tue allenfalls das Basteln von Texten ist und weiter nichts, ergibt sich die Antwort von selbst, denn von der echten Schriftstellerkunst bin ich genauso entfernt wie ein humorloser Mensch, der sich damit abmüht humorvoll wirken zu wollen. Ein hinkender Vergleich, auch deswegen weil es humorvolle Menschen gibt, deren Humor bei ihren Mitmenschen nicht ankommt. Ob dies vom Bildungsgrad abhängt, wie mir dies vor langer Zeit eine studierte Dame in einem Konfliktfall erklären wollte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Humor nicht gleichbedeutend mit Witzemachen und Lachen über alles ist, und dass es für eine Beziehung ungemein bedeutend ist, wenn man/frau nicht ständig darauf hinweisen muss, wann etwas als Spaß gedacht ist: Bitte lach‘ doch, das ist doch witzig! – Lachen auf Abruf? So geht’s nicht. Vielleicht aber so:

Kommt ein Mann zum Psychiater. „Hallo Herr M.! –Sie kennen meine Frage! Nun, was sind Sie, der Herr M. oder eine Maus?“ „Herr Doktor, ich bin der Herr M. und keine Maus“ „Dann ist ja alles bestens. Haben Sie noch Fragen?“ „Nein! Alles gut!“ „Freut mich für Sie! Dann können wir Ihren Fall endlich abschließen.“ – Herr M. verabschiedet sich und verlässt die Praxis. Da begegnet er auf dem Weg zum Gebäudeausgang einer Katze. Jählings kehrt er um und erscheint wieder beim Psychiater. „Was gibt’s?“ „Herr Doktor da draußen ist eine Katze!“ „Na und, Sie wissen doch, dass Sie keine Maus sind.“ „Ich schon, Herr Doktor, aber woher soll ich wissen, ob auch die Katze das weiß.“

Dass Partner sich zum Lachen bringen können und miteinander lachen können ist das Salz in der Beziehungsküche. Interessant wären in diesem Zusammenhang auch Untersuchungen zu den biochemischen, psychoemotional synergetischen Einflüssen des Lachens auf unsere Sexualität, unsere Gesundheit und unser Immunsystem. Sind Menschen, die häufiger lachen weniger anfällig für Corona?

Und somit bin ich wieder bei dem, ‚was uns in diesen Zeiten‘ bewegt und welche Folgen Covid-19 jetzt schon hat und haben wird: Liegen nicht schon Pharisäer auf der Lauer nach dem Unwort des Jahres? Wie geht es den vielen Infizierten? Wie geht es dem Wirtschaftswachstum? Um wieviel wird das BSP schrumpfen? Wann und falls ja, um wieviel Prozent wird es wieder wachsen? Was war der Höchstpreis für eine Mund-Nase-Schutzmaske? Wird sich die Tourismusbranche wieder erholen? Wieviel Museen schließen für immer? Wie wird der Bestsellerroman zu Corona heißen? Wird die nächste Leipziger Buchmesse ‚coronisiert‘ von Virusliteratur? Werden wir uns wieder den anderen lebensbedrohlichen Problematiken (Stichwort ‚globale Erwärmung‘, Artensterben, Waldsterben, Grundwasser, Böden) zuwenden?

Um wieviel sind die CO2-Emissionen ‚dank‘ Corona im Jahr 2020 zurückgegangen (eingedenk CO2-Ausstoss z.B. für Rechnerkühlung wegen erhöhter Internet-Nutzung)? Gibt es einen Anstieg im Online-Shopping? Ist die Corona-Krise wie eine Wende für Online-Geschäfte, Online-Teaching etc.? Um wieviel Prozent sind die Fälle häuslicher Gewalt angestiegen? Welche Auswirkung hatte die Coronakrise auf die Geburtenrate? Wird es nach der Coronakrise mehr Alkoholiker geben? In welchem Maß wurde die Auszeit z.B. für dringende Schulrenovierungen genutzt? Wir das Gesundheitswesen umstrukturiert/verbessert? Bleiben uns nach der Coronakrise Balkon-Konzerte und öffentliches Singen erhalten? Kann eine Zunahme des Denkens und Überdenkens registriert werden? Wird es einen Guide geben, wo zu finden ist, was von all dem, was uns ‚entgangen‘ ist, wann nachgeholt wird?...

– Living by Numbers - They don’t want your name! (…) Just your number! – ²

Werden die Menschen in den von Heuschreckenplagen heimgesuchten Gegenden unseres Planeten dazu befähigt das Beste daraus zu machen: nämlich nicht Gift über die schlüpfenden Hüpfer zu spritzen, sondern sie im großen Stil einzufangen, um sie zu schockfrosten und als Nahrungs-, Futter- oder Düngemittel zu nutzen?

Werden die Futter- und Nahrungsmittelhersteller lernen, darauf zu verzichten z.B. Soja und Palm zu importieren, somit dem Regenwald eine Chance zu geben und vielleicht feststellen, dass auch heimisch gezüchtete Crops und Seetang ausreichen?

Werden die Australier erkennen, dass nicht die Bäume schuld an den Buschbränden sind und nun, anstatt die verbliebenen Baumgeschöpfe abzuholzen, mit der Kohleverstromung Schluss machen und sich um das Great Barriere kümmern?

Werden die Völker sich von Regimes befreien können, die sich in dieser Krise wieder anstandslos als die endlose Fortsetzung reaktionärer und totalitärer Irrwege zu erkennen gegeben haben?

Derweil also weiter Menschen unterdrückt, Tiere ausgerottet, Korallenriffe gebleicht, Ressourcen vernichtet und Eis geschmolzen wird, bemerke ich dass draußen in der Umgebung meiner Wohnung gerade ein anderer Film läuft:

Eine Stunde lang sorgen sie da draußen nun schon für eine Akustik, wie im Vorspann von Miami Vice. Davor sah ich Rotkehlchen Fangenspielen, ein Buchfinkenweibchen im Gras picken und einige der obligatorisch zu jedem Garten gehörenden Amseln herumhoppeln. Der Blaulichtlärm war denen auch zuwider und so flogen sie weg. – Als alles wieder einigermaßen im Lot war mit Sonnenlicht, Rotkehlchenflug und Amselbesetzung – (Mini-Exkurs: Ist das nicht recht einseitig, immer nur Würmer aus dem Boden ziehen und runterschlucken? Was sagte doch gleich Rüdiger Nehberg über Würmer? Na ja, Spurenelemente müssten die glitschigen Fleischschläuchen ja genügend innehaben.) – setze ich mich wieder an mein Notebook, logge mich ein und starte bei YouTube ein MusikVideo mit dem Titel ‚Transforma‘ von Avina Vishnu. Kann zwar mit Jean Michel Jarre vortrefflich mithalten, ist heute aber eher etwas für die Abendstunden und dann mit Beamerprojektion für das oszillierende, regenbogenfarbene Sendebild, das mich an Nordlichter erinnert. Nach etwa fünf Minuten tappe ich in die nächste Präsentation hinein: glastropfig klingende Loops und ein Video mit überraschenden Bezügen zu Mauriz Cornelius Escher. Der Titel dieses Werks von Marc Cooper müsste gar nicht angegeben sein: Repetitions. Kevin McGloughlin schuf dazu ein Video, das süchtig nach Unendlichkeit macht, wie die Bilder Eschers, ohne dabei auch nur ein Werk Eschers zu zitieren. Dafür kommt mir eine Szene aus Christopher Nolan’s Film ‚Interstellar‘ in den Sinn. Ist es dort das endlos in alle Richtungen replizierte Zimmer mit der Bücherwand, so sind es bei McGloughlin die sich endlos stapelnden Balkonfassaden. Aus einer anderen Zeit versucht der Farmer Cooper – ein anderer Cooper, nicht Marc Cooper – Botschaften zu senden, indem er durch die Wand Bücher nach vorne schiebt; die Buchreihen sozusagen als Tastatur benutzt. Dabei schwebt er hinter dieser Bücherwandseite und über, unter und hinter ihm ist dieses endlos replizierte Zimmer zu sehen.

Seither stelle ich mir manchmal vor, dass es im Universum so etwas auch für mein Zimmer geben müsste, ohne dabei auf verschobene Buchrücken in meinen Regalen zu achten. Platz für kopierte Zimmer und Kopien aller Art gäbe es im Universum sicher genug. Nach Jostein Gaarders kleiner Spekulation ‚Der Zeitscanner‘³ könnte das Universum mehr noch, nicht nur die Räume, sondern alle Bewegungen, also alle Zeitabläufe speichern, sofern nur alles fortlaufend gescannt würde. Und angenommen, dem sei so, dann müssten wir nur einen Weg finden, wie wir auf den Speicher des Scanners zugreifen könnten und wie darin navigiert werden könnte. So gäbe es reality-tv quer durch die ganze Menschheitsgeschichte. Auf der einen Seite recht lehrreich, manche Fehldarstellung und Lüge ausradierend, aber auf der anderen Seite ist dies auch der paranoisierende Alptraum von der dann realisierbaren totalen, globalen Überwachung. Theoretisch wäre dann auch niemand mehr im letzten Schlupfwinkel des Universums davor sicher. Also nichts mit eben mal in ‚Das Restaurant am Ende des Universums‘4.

 

)² von New Musik: Living by Numbers, aus dem Jahr 1980

)³ aus Jostein Gaarder: Der seltene Vogel, dtv, München 1997

)4 von Douglas Adam: ‚Das Restaurant am Ende des Universums‘, Rogner&Bernhard, München 1982

 

 

Von Vögeln und anderen Sängern

 

Der Himmel über Augsburg ist aus hellblauer Seide. Der Frühling meldet keine besonderen Vorkommnisse. Im sich mehrenden Grün tummeln sich weiter weiße und gelbe Blütentupfen und die in den Himmel sich reckenden und verästelnden Hölzer zeigen schüchtern phallische Triebe. In der Luft liegen Gratiskonzerte unserer gefiederten Freunde.

Doch wo sind all die Menschen? Spaziergänger, Biergartenvolk, Liebespaare, Jogger, Walker, Biker…? Die wenigen Einzelgänger ziehen wie Verlorene umher und taugen nicht als Ausgleich für den in Goethes Faust beim Osterspaziergang reklamierten Mangel an Farben der Natur.

Beim Gehen fliegen mir Wörter zu, manchmal zufällig wie die Vögel, zumeist als gelernte Bezeichnungen für Gesehenes und Erahntes, damit ich sie in unsichtbare Verse einbette – immer dem nachhinkend, was mir der Weg vor die ‚Versfüße‘ wirft.

 

Wenn die blau'n Blüten schlafen schön

Und die Frühlingswinde zarter weh’n

Kann der Dichter keine Verse seh’n

Ist er doch des nachts am Geh’n

 

Das war in einer Nacht, als ich mein Fahrrad nicht benutzen konnte und per pedes nach Haus ging. Regen war angesagt. Doch ich trug den gelben Schirm umsonst mit mir. Auch der ‚Wortregen‘ war spärlich. Alles ein wenig eine Übung zur Kontaktbeschränkung. Doch es gibt auch andere Türen.

Bei manchen Begegnungen mit den Piepmätzen habe ich das Gefühl, dass sich die kleinen Tierchen vergewissern möchten, was mit uns Menschen denn los sei. Sie bauen fleißig Nester oder haben schon die erste Brut darin und sind alle recht emsig beschäftigt. Warum verstecken wir uns denn, wir müssten im Frühling doch auch Liebe machen?

So vieles geschieht hinter verschlossenen Türen. – Spät nach Mitternacht habe ich die Farbstifte beiseitegelegt. Der Himmel und die Gebäudefassaden samt Gliederung und Fenstern sind nun fertig. Dann frage ich noch schnell meine Digitalkamera, was ‚die zum Bild meint‘; sprich ich schieße ein Foto und sehe mir dann das Ergebnis auf dem Kamerabildschirm an. Bei den Blautonübergängen und der Schraffurausrichtung stimmt etwas nicht. Mit ein paar Farbstifteinsätzen kann ich das ausbessern. Feierabend. Nun kann ich also meine Tasche packen und mich auf den Heimweg machen. Im Radio lief bis zwei Uhr das Concerto Bavarese auf Bayern2. Ab dann läuft das Programm von Bayern Klassik. Irgendwann vertrieb mich aber von dort trauriger Chorgesang zu DLF Kultur. Weil es Mittwoch früh war, kam dort die Tonart Americana. Eigentlich hätte ich doch schon längst heimradeln können, aber da hörte ich die Stimme, ach was, ein Feuerwerk aus Singen, Lachen und Lauten der virtuos, total engagierten und ihre Lyrics so erfrischend extraordinary vortragenden US-Sängerin Lesley Kernochan. Bob Cash und Johnny Dylan heißt ihr Song. Und so blieb ich noch eine Weile und hörte auch die anderen Songs und ein Interview mit dieser Ausnahmesängerin. My new favorite!

Um etwa drei Uhr herum verließ ich das Atelier und radelte Richtung Wohnung. Zu dieser Spätabend- bzw. Frühmorgenstunde ist in Augsburg sowieso nichts los; sieht man von der Begegnung mit durchschnittlich zwei Kraftfahrzeugen und einem Fußgänger ab. Deswegen vermisste ich auch diesmal keine nennenswerten Lebenszeichen und musste dies zu meiner Erleichterung nicht einmal mit der Coronakrise begründen. Wie um dieses Gefühl zu bestärken, überholte mich auf den parallel zu einer Teilstrecke meines Heimwegs verlaufenden Gleisen ein Güterzug. Er transportierte Langholz. Wagon an Wagon voller Baumstämme. Wäre mein Radweg nicht weiter der Schienentrasse entlang verlaufen, trüge ich die Illusion eines unendlich langen Maschinengliedertiers mit mir; passend auch als Clip in Kevin McGloughlin’s Video zu Marc Coopers Repetitions. Doch die Wirklichkeit überholte mich in Form von Tausenden Tonnen Stahl und Holz. Und das konnte gar nicht lang genug sein, denn sie ist ein massiges Korrektiv gegenüber einer anderen, lähmenden Wirklichkeit: Auch zu Corona-Zeiten geht sehr sehr viel.

Bei all diesem Zusammenspiel aus Über-, Unter- und Nebenwirklichkeiten sollte doch keine ‚Wirklichkeit‘, ‚die Wirklichkeit‘ sein, vor der wir wie ein Kaninchen vor der Schlange erstarren.

Um eine ‚Coronisierung‘ unseres Denkens zu vermeiden, sollten wir vielleicht einmal nachdenken, wie wir weiter mit unserer Erde und unserem Leben umgehen wollen. Gegenüber dem, was uns erwartet, wenn diese Menschheit weiter so „wirtschaftet“ – müsste eigentlich „wegwerf- und totwirtschaftet“ heißen – wie bisher, ist Covid-19 – man verzeihe mir, wenn es jetzt so aussieht, als ob ich Leid, Trauer und Ängste Betroffener nicht respektieren würde – nur eine je nach medizinischer Ausrüstung und Art der Prävention unterschiedlich sich ausprägende Form von Urlaub.

 

 

>>>> Tipp: Wer es hier nicht lesen mag, eine Textdatei auf der Festplatte anlegen und dann >>>> einen oder alle Texte einfach markieren und kopieren und in die Textdatei Ihres PC   >>>> verschieben.

 

  +++++++  B a l d    geht's hier weiter.   Skripten von Ende April stapeln sich.  Bitte um Geduld !!!  +++++++

 

 

Sonstiges

Keine Bange! Wir werden nicht verhungern. Und wenn’s knapp wird, esst nicht wahllos die lieben Tiere auf! Esst Biber! Die knabbern gerade wieder so viele Bäume weg – Trotz Klimakrise! – Biberschnitzel mit Bratkartoffel oder Algen. Nachspeise: Kandierte Heuhüpfer. – Tja und hoffentlich reicht’s WC-Papier. So schnell wird aus dem was Biber an Bäumen fällen kein Klopapier. Ich plädiere nicht dafür, hier von einem ökologischen Kreislauf zu sprechen.

 

Tipp

Ernährt Euch basisch – also Gemüse, Salat, Obst… (Brot, Weißmehl, Fleisch… machen sauer – Also doch nix mit Biber!) – Körper mit basisch stimuliertem Stoffwechsel werden von Viren und Bakterien eher gemieden.

Für nähere Auskunft einfach Googlen oder Fachleute anrufen!

Bleibt gesund und ernährt Euch redlich (mit oder ohne Biber)!

 

 

Wem’s gefällt, wem was nicht gefällt oder was auffällt kann gern ins Gästebuch schreiben oder an


art-for-ever@gmx.de

 

 

 

v.i.s.d.p Norbert Diem, Bergiusstr.68a, D-86199 Augsburg              ähnlichkeiten mit lebenden personen und tieren sind

Atelier NeuSehLand, Dominikanergasse 3, D-86150 Augsburg      rein zufälliger natur und unbeabsichtigt    märz 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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